Selbstverständnis

Wir verstehen unser Selbstverständnis als eine Momentaufnahme unserer Gemeinschaft. Schließlich verändern wir uns, werden älter, in mancherlei Hinsicht vielleicht kämpferischer – oder auch nachsichtiger. Möglicherweise verschieben sich auch einige Prioritäten mit der Zeit. Dem entsprechend wird diese Version sicherlich nicht die letzte bleiben. 😉

 


Mit dem Projekt Mensch*Meierei schaffen wir einen Zusammenhang, in dem wir selbstbestimmt, solidarisch und nachhaltig miteinander leben und arbeiten. Tag für Tag wollen wir uns gegenseitig unterstützen, uns anregen und voneinander lernen. Dabei ist uns bewusst, dass wir durchaus verschiedene Ansichten haben, wir uns in  unterschiedlichen Lebensphasen befinden und unsere Lebensentwürfe voneinander abweichen. Dies gibt uns die Möglichkeit, uns selbst und unsere Standpunkte zu hinterfragen und zugleich respektvoll und wohlwollend mit unserer Verschiedenheit
umzugehen. Diese Art des sozialen Zusammenlebens soll das Fundament für unsere Gemeinschaft sein und zugleich Ausgangspunkt für neue Erfahrungen und politisches Engagement.

Entscheidungen im Konsens
Inmitten einer Zeit, in der jede*r für das eigene Glück und Unglück verantwortlich sein soll, wollen wir dieser Individualisierung und Vereinzelung entgegenwirken. Inspiriert sind wir dabei von libertär-herrschaftskritischen Ideen; die vorherrschenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse sehen wir äußerst skeptisch: Warum sollen sich immer die Leistungsstärkeren durchsetzen, während andere hintenanstehen? Wieso sollen nur wenige entscheiden? Warum sind das vor allem weiße Männer? Wie drückt sich das auch in der Sprache aus? Mit dem Projekt Mensch*Meierei entwerfen wir ein Lebensmodell, das ein Gegengewicht zu dem Bestehenden ist. Traditionelle Geschlechterrollen möchten wir hinterfragen, Diskriminierungen jeglicher Art, seien es Rassismus, Klassismus oder Sexismus, sollen thematisiert und angegangen werden. Entscheidungen treffen wir im Konsens bzw. Konsent – auch wenn es mitunter länger dauert.

Intensiv arbeiten wir daran, eine Gleichberechtigung unter allen Kommunard*innen zu erreichen. Hilfreich hierbei sind soziale Gruppenprozesse, in denen wir lernen, in schwierigen Situationen angemessen zu handeln, also Konflikte zu klären, Kritik moderat zu äußern, aber ebenso freudigen Momenten entsprechend Platz einzuräumen, Vertrauen aufzubauen und unser Miteinander zu festigen.

Eine besondere Aufmerksamkeit bedarf der Umgang mit Kindern in unserer Gruppe. Sie wachsen nicht nur bei ihren Eltern auf, sondern auch in der Gemeinschaft, in der sie viele Ansprechpersonen haben. Die Erziehung und die Verantwortung wird damit, je nach Fähigkeiten und Bedürfnissen einzelner Erwachsener, auf mehrere Schultern verteilt. Das Gefüge der Kleinfamilie wird somit aufgebrochen, die Eltern erhalten Unterstützung bei der Sorgearbeit.

Gemeinsame Ökonomie
Ein weiterer Baustein, mit dem wir Verantwortung füreinander übernehmen wollen, ist die gemeinsame Ökonomie. Wir legen unsere monatlichen Einnahmen zusammen in eine gemeinsame Kasse, damit möglichst alle unabhängig von ihrem Einkommen, ihren individuellen Wünschen und Vorlieben nachgehen können. Mittelfristig streben wir auch eine gemeinsame Vermögensökonomie an. Mit der herkömmlichen Definition von Arbeit als Broterwerb können wir nicht viel anfangen. Arbeit ist für uns Handeln im weiteren Sinn, viel mehr als ein Job, für den wir Geld bekommen. Folglich versuchen wir, die Trennung zwischen Lohnarbeit und Leben zu überwinden. Hausarbeit oder Kinderbetreuung sind für uns beispielsweise gleichberechtigte Tätigkeit, die wichtig sind, um das Projekt aufrechtzuerhalten. Entsprechend würdigen wir sie und verteilen die Care-Arbeit möglichst so, dass jede Person Tätigkeiten dabei ihren individuellen Wünschen und Bedürfnissen nachgehen kann.

Nach dem Abschluss der notwendigen Umbauten in der Alten Meierei wollen wir auch Betriebe aufbauen. Wir planen u.a. Einkommen über landwirtschaftliche Erzeugung zu erlangen. Lokale Vermarktung und Vernetzung (beispielsweise im Rahmen Solidarische Landwirtschaft) sind hierbei von zentraler Bedeutung. In den Arbeitsbereichen wollen wir nachhaltig wirtschaften, um einen gesellschaftlichen Mehrwert zu erzielen. Der ist für uns bedeutsamer, als große Gewinne einzufahren. Wichtig ist uns außerdem ein verantwortungsbewusster Umgang mit Rohstoffen und Energie, insbesondere im Hinblick auf Wohnen und Wirtschaften, Mobilität und Ernährung. Ob bei der Sanierung der Gebäude oder im Alltag – wir bevorzugen Produkte aus ökologischer und fairer Erzeugung und sozialverträglicher Herstellung. Das Projekt Mensch*Meierei soll nicht nur unser Zuhause werden, sondern darüber hinaus auch eine Basis für gesellschaftliches und politisches Engagement. Werkstätten und Räume wollen wir auch Menschen außerhalb unseres Projekts zur Verfügung stellen, etwa für gemeinsame Bildungsarbeit oder politische Veranstaltungen. Außerdem vernetzen wir uns mit anderen Gruppen und Kommunen in der Region, um unsere Ideen in einem größeren solidarischen Zusammenhang umzusetzen.

Unser Ziel ist es, langfristig mit vielen anderen Menschen zusammen Perspektiven zu schaffen. Wir wollen Strukturen in kleineren Zusammenhängen aufbauen, die wir uns gesellschaftlich wünschen. Letztlich wollen wir nicht nur ein gutes Leben für uns, sondern ein gerechteres Leben für alle.

Witzenhausen, März 2018

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